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Trampen ohne großes Risiko
DIE ZEIT, Ausgabe 28, 1990
© DIE ZEIT, 06.07.1990 Nr. 28
Trampen ist nicht so gefahrlich, wie die Polizei immer geglaubt hat: Eine Studie des Bundeskriminalamtes räumt mit den Vorurteilen über „das Reisen mit dem Daumen" auf und fordert, die private Mitnahme in umweltschonende Verkehrskonzeptionen aufzunehmen. ' I Vampen hat einen schlechten _L Ruf. Regelmäßig vor den Sommerferien weist die Polizei auf Gefahren hin. Viele Eltern verbieten ihren Kindern das Fahren per Anhalter. Presse, Funk und Fernsehen warnen vor dem Trampen, berichten über Vergewaltigungen und Entführungen.
Dieses öffentliche Negativbild ist nach der Meinung von Wissenschaftlern überzogen. Im Auftrag des Bundeskriminalamtes (BKA) untersuchte eine Forschungsgruppe der Universität- Gesamthochschule- Wuppertal das „Anhalterwesen und Anhaltergefahren".
Viele der befragten Tramper machten keine schlechten Erfahrungen. Während trampende Männer häufiger die riskante Fahrweise bemängelten, berichten 7,8 Prozent der Frauen von verbalen sexuellen Belästigen.
Einen Teil dieser Negativ-Erfahrungen werten die Forscher jedoch nicht als typisch für das Trampen. „Dumme Sprüche" oder auch „Anzüglichkeiten" bilden nach Meinung der Wissenschaftler „nahezu alltägliche Erfahrungen von Frauen in den verschiedensten Lebensbereichen". Ob am Strand, beim Spaziergang durch die Stadt oder in der Straßenbahn - fast überall könne es Frauen passieren, als Sexualobjekt betrachtet zu werden.
Statistisch, so die Untersuchung, komme es bei einer von 10 000 mitgenommenen Frauen zu einer Vergewaltigung und bei 2 von 1000 Fahrten zu einem Vergewaltigungsversuch.
Die Studie des Bundeskriminalamtes gibt einige Tips für sicheres Trampen: Bei einem von vornherein „unguten Gefühl" sollte man nicht in den Wagen steigen, lieber einen Wagen weiterfahren lassen. Die Kriminalisten empfehlen, nicht an Stellen auf die Mitnahme zu warten, wo nur kurzes Halten möglich ist. Zu zweit oder zu dritt sinken zwar die Mitnahmechancen, man fährt aber sicherer. Einen merkwürdigen Ratschlag gibt die Kriminalpolizei zu guter Letzt: „Sobald es doch einmal unangenehm wird, sollte ein Anhalter sofort den Ausstieg verlangen und notfalls dieser Forderung Nachdruck verschaffen, indem er irgend etwas aus dem Fenster wirft oder in Brand setzt."
Aufgrund der überwiegend guten Erfahrungen der Anhalter und der geringen Wahrscheinlichkeit, Opfer einer Straftat zu werden, raten die Autoren der BKA-Studie Anhaltern nicht generell vom Trampen ab. Viele junge Leute müßten aus Geldmangel diese Fortbewegungsform nutzen. Mögliche Gefahren würden nur verlagert - etwa auf den nächtlichen Weg zur Haltestelle und das Warten auf den Bus.
Damit junge Leute ohne eigenen Wagen nicht aufs Trampen angewiesen sind und aus ökologischen Gründen, plädieren die Forscher für breitgefächerte Verkehrskonzepte, die neben einem ausgebauten Linienverkehr auch die verschiedensten Formen der organisierten als auch der privaten Mitnahme umfassen. K.R.
Fiedler, Joachim / Rolf Hoppe / Peter Berninghaus / Aleksandar Lenhart
- Anhalterwesen und Anhaltergefahren unter besonderer Berücksichtigung des "Kurztrampens"
Sonderband der BKA-Forschungsreihe 3.32
1989 (197 Seiten) - vergriffen -
Die Studie ist online auf der Seite des BKA verfügbar:
http://tinyurl.com/5od4kh (*.pdf, 12,5 MB)
